ariyaKritiker: Schiiten in Deutschland wissen: 90% der Flüchtlinge hierzulande sind Sunniten, davon hassen 90% uns Schiiten, das ergibt 81% Schiitenhasser unter den Flüchtlingen, also hunderttausende. Das ist ein riesen Problem!

Ariya: Die Rechnung zeigt, wie sehr auch unsere Meinung von den Medien beeinflusst wird. Diese Statistik fußt nicht auf Zahlen und Erhebungen, sondern entstand vor dem Schreckgespenst „islamistische Unterwanderung“. Die Realität sieht ganz anders aus. Der Großteil der Menschen flüchtet vor Konflikten, die auch an solchen Linien ausgetragen werden, und wollen hier nichts damit zu tun haben.

Kritiker: Willst du behaupten, dass es keine Schiitenhasser unter ihnen gibt? Ich kenne eine 12-jährige Araberin, hier geboren, die einer gleichaltrigen Syrerin geholfen hat, in der Schule zurechtzukommen, es entwickelte sich eine gute Freundschaft – bis die Syrerin herausfand, dass sie Schiitin ist. Danach ignorierte die Syrerin sie, beleidigte sie gar. Andere haben Schlimmeres erlebt. Das Problem existiert!

Ariya: „Schiitenhasser“ gibt es sicherlich. Doch ebenso gibt es „Christenhasser“ unter ihnen, „Judenhasser“ und auch „Sunnitenhasser“. Der Hass basiert entweder auf Unwissenheit oder auf eigenen Erfahrungen. Beidem können wir mit Hilfe und gutem Verhalten entgegenwirken.

Kritiker: Sehr diplomatisch beantwortet. Aber Bruder: Du arbeitest mit Flüchtlingen, hilfst ihnen. Hast du nicht Angst, dass ein IS-Mitglied eines Tages herausfindet: Ariya ist Schiit! Dann kriegst du Probleme.

„Einen IS-Sympathisanten oder gar ein IS-Mitglied habe ich aber noch nicht getroffen.“

Ariya: Ich bin schon seit Monaten relativ aktiv und versuche verschiedensten Menschen zu helfen. Dabei bin ich mit allen möglichen Religionen und Ethnien in Kontakt gekommen. Einen IS-Sympathisanten oder gar ein IS-Mitglied habe ich aber noch nicht getroffen. Zudem verberge ich meine Konfession nicht: Jene Flüchtlinge, mit denen ich zusammenarbeite, wissen von Beginn an, dass ich Schiit bin. Bisher wurde ich weder angefeindet noch beleidigt, nichts dergleichen.

Kritiker: Was bedeutet das konkret? Sagst du beim ersten Kontakt: „Salamun alaikum, mein Name ist Ariya, und Imam Ali ist der wahrhaftige Nachfolger des Propheten!“ ?

Ariya: Nein, aber schon beim ersten Gespräch wird meistens die Frage nach der Herkunft gestellt. Und was soll ich als Iraner schon sein?

Kritiker: Du bist also nie einem IS-Mitglied begegnet, behauptest du. Du hast sie bloß nicht erkannt: Die verstecken sich hier alle, bis sie Fuß gefasst haben.

Ariya: Wer tatsächlich die IS-Ideologie vertritt, kann sich nicht wirklich verstecken. Diese Leute würden definitiv auffallen. Wir fördern so doch nur negative Stereotype. Es ist letztlich derselbe Generalverdacht wie jener der Mehrheitsgesellschaft den Muslimen gegenüber.

Kritiker: Was ist mit den Massenschlägereien unter Flüchtlingen, von denen man hörte? Spielt da nicht „Schiiten vs. Sunniten“ eine Rolle? Du tust so, als gäbe es dieses Thema gar nicht.

„Wo die Politik gescheitert ist, ist es unsere Aufgabe den Menschen Hoffnung und Geduld zu geben und so beschwichtigend einzuwirken.“

Ariya: Natürlich gibt es Gewalt unter Flüchtlingen. Ebenso gibt es aber auch Gewalt innerhalb der Mehrheitsgesellschaft und unter den Muslimen, die in Deutschland schon verwurzelt sind. Der konfessionelle Konflikt spielt meistens keine Rolle. Es geht um Alltagsstreitereien. Zumeist staut sich auch der Frust der aktuellen Situation auf. Wir vergessen immer, dass Flüchtlinge oft Augenzeugen langjähriger Konflikte waren, große Hürden nach Deutschland genommen haben und hier dann mit hunderten Fremden in Turnhallen, Zelten oder anderen Notunterkünften eingepfercht werden. Hinzu kommt die Ungewissheit über die Zukunft und das endlose Warten. Das frustriert die Menschen. Wo die Politik gescheitert ist, ist es unsere Aufgabe den Menschen Hoffnung und Geduld zu geben und so beschwichtigend einzuwirken.

Kritiker: Du sagst es: Warum haben sie all diese Mühen auf sich genommen? „Kriegsflüchtlinge“ seien sie, heißt es. Aber spätestens, nachdem sie Syrien oder Irak verlassen hatten, waren sie keine Kriegsflüchtlinge mehr, sondern Wirtschaftsflüchtlinge! Deutschland liegt tausende Kilometer entfernt …

Ariya: Deutschland sollte sich geschmeichelt fühlen, dass so viele Menschen hierher kommen wollen. Das zeigt, was man für einen guten Ruf hat. Die Menschen wollen nach Deutschland, um Chancen auf eine gute Zukunft zu haben. Diese Chancen sind in osteuropäischen Ländern eher schlecht. Warum sind wohl unsere Eltern nach Deutschland gekommen und nicht nach Ungarn, Polen oder Bulgarien?

Kritiker: Des Geldes wegen, selbstverständlich.

Ariya: Wenn es denn so wäre, warum beanspruchen wir für uns das Recht auf Deutschland und verwehren es anderen? Im Endeffekt sorgen wir uns dann doch bloß um unseren Wohlstand, so wie viele andere Flüchtlingsgegner auch.
Meiner Meinung nach kommen sie aber nicht nach Deutschland wegen des Geldes, sondern wegen der Perspektive. Nirgends in Europa wird und wurde Flüchtlingen so geholfen wie in Deutschland. Nicht nur die soziale Absicherung gehört zu den besten Europas, sondern auch die Ausbildung und das Bildungssystem.

Kritiker: Es gibt viele alleinstehende junge Männer unter den Flüchtlingen, gleich ob Sunniten oder Schiiten. Warum verteidigen sie nicht ihr Land, warum suchen sie irgendwelche „Perspektiven“ und verraten ihre Heimat? Was ist mit Widerstand, Imam Hussein (a.) und Aufopferung – alles kein Thema, jeder kämpft nur für sich selbst, alles Egoisten? Ich kann nicht nachvollziehen, wie man als Schiit aus dem Irak fliehen kann. Hast du dafür Verständnis?

„Ich will jene, die am lautesten Schreien, mal sehen, wenn hierzulande der Krieg ausbricht. Die werden schneller verschwunden sein, als wir uns vorstellen können.“

Ariya: Wir Menschen sind alle unterschiedlich gestrickt und nicht jeder ist für den Krieg geeignet. Manchen mangelt es an Nervenstärke und nötiger Härte. Anderen fehlt Entschlossenheit und das nötige Bewusstsein. Dafür muss man Verständnis haben. Es ist leicht im Trockenen zu sitzen und von anderen zu fordern, an einem brutalen Krieg teilzunehmen. Ich will jene, die am lautesten Schreien, mal sehen, wenn hierzulande der Krieg ausbricht. Die werden schneller verschwunden sein, als wir uns vorstellen können. Imam Hussein (a.) sagte, man solle eine bittende Hand niemals nach der Herkunft fragen. Unsere Religion gebietet uns zu helfen und das sollten wir auf jeden Fall tun.

Kritiker: Was sind die Probleme der Flüchtlinge, geht es in deiner Arbeit nur um die deutsche Sprache? Haben schiitische Flüchtlinge andere Nöte, Befürchtungen und Fragen als sunnitische?

Ariya: Das Hauptproblem der Flüchtlinge ist die Ungewissheit und die schier nie endende Warterei. Sie werden darüber, ob sie bleiben dürfen, lange in Unkenntnis gelassen. Umzüge und Transfers in vernünftige Unterkünfte ziehen sich endlos hin, und auch bis sie Deutschkurse besuchen dürfen, dauert es zu lange. Wenn man sie besser über die Bürokratie und die Gesetze aufklärt, entlastet man sie und schenkt ihnen Hoffnung und Geduld.
Die Probleme schiitischer, sunnitischer oder auch christlicher Flüchtlinge unterscheiden sich kaum voneinander. Sorgen und Ängste sind überall dieselben.

Kritiker: Manche Muslime, die hier seit Jahrzehnten als Ausländer leben, beschweren sich darüber, dass syrische Flüchtlinge es viel einfacher hätten, als sie selbst. Insbesondere wenn es um Bürokratie, Papiere und Aufenthaltsstatus geht. Die Flüchtlinge können vermutlich in Zukunft sehr einfach deutsche Staatsbürger werden, Papiere sind kein Thema, jeder wird als Asylant anerkannt, sie müssen nichts nachweisen. Da kommt bei manchem Neid auf – nicht unberechtigt.

Ariya: Es wäre doch ein Unding, wenn sich in den letzten Jahrzehnten nichts getan hätte. Wenn man sich nicht entwickelt hätte und es immer noch so schwer wäre wie vor 30 Jahren. Neid gehört zu den größten Schwächen des Menschen. Wir sollten lieber lernen, uns füreinander zu freuen. Letztlich sind wir doch alle Brüder, es heißt sinngemäß in den Überlieferungen: So lange man sich für seinen Bruder nicht so freut wie für sich selbst, ist man kein Gläubiger.

Kritiker: Was nun uns deutschsprachige Schiiten angeht, so kämpft die Jugend seit einigen Jahren mit ersten Erfolgen gegen die Unterdrückung der deutschsprachigen Veranstaltungen an, und das Deutsche etabliert sich bei Veranstaltungen immer mehr, selbst wenn die ältere Generation sich noch widersetzt. Ich sehe nun folgendes Problem: Wenn wir hier einige zehntausende schiitische Flüchtlinge haben, die meisten jung, dann wollen sie doch lieber wieder alle Arabisch sprechen. Sie werden damit zu einer echten Gefahr unserer deutschsprachigen Einheit der schiitischen Jugend.

Ariya: Die Flüchtlinge von heute unterscheiden sich in diesem Punkt stark von den Ein- und Zuwanderern der Vergangenheit. Während die alte Generation lernfaul war und die deutsche Sprache bis heute nicht beherrscht, zeigen sich die heutigen Flüchtlinge sehr fleißig und wissbegierig. Ich denke, dass viele von ihnen deutschsprachige Veranstaltungen als eine Chance des Lernens und der Integration erkennen werden.
Bei den übrigen müssen wir eben denselben Arbeitsaufwand der letzten Jahre leisten, um sie von der Relevanz deutschsprachiger Veranstaltungen zu überzeugen. Mit den richtigen Argumenten wird uns dies aber auch gelingen.

Autor: Huseyin Özoguz

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