Eine junge Frau, Ende 20, blieb am Infostand stehen. Sie fragte den neben der Tafel stehenden Bruder: „Worum geht es denn hier?“ Er antwortete: „Wir möchten auf einen Brief Imam Chamene’is, des Oberhauptes des Iran, an die Jugend im Westen aufmerksam machen. Es geht um Terroranschläge und die Beziehung des Westens zur Islamischen Welt. Von diesem Brief an uns Jugendliche hast du bestimmt noch nichts gehört, oder?“ Sie sagte: „Nein, habe ich tatsächlich nicht. Klingt interessant, würde ich gerne lesen, habt ihr den Brief hier?“ Er antwortete: „Klar, bitteschön“, und gab ihr ein Exemplar. „Danke sehr, viel Erfolg“, sagte sie und eilte davon, während sie schon mit dem Lesen begann. Wenige Minuten später kam sie zurück und sagte: „Ich habe in diesem Brief gerade einen Satz über Palästina gelesen, der mich wirklich fertiggemacht hat!“ Sie war sichtlich ergriffen, es entwickelte sich ein langes und intensives Gespräch mit den anwesenden Schwestern. „Endlich konnte ich mal über all das mit jemandem reden, in meiner Umgebung interessiert das keinen, ich danke euch.“

„Dass wir einen Stand in der Innenstadt unseres Delmenhorsts zum zweiten Brief organisieren würden, war uns sofort klar, als wir den Brief gelesen hatten. Dieser Brief muss ans Volk!“, sagte Organisator Sadik Özoguz vom Islamischen Weg e.V. „Unser Ansatz war diesmal, ein zurückhaltendes Informationsangebot für die Besucher der Innenstadt anzubieten. Anstatt auf die Leute aktiv zuzugehen und ihnen den Brief in die Hand zu drücken, bereiteten wir eine Tafel mit Zitaten aus dem Brief vor. Daneben platzierten wir unseren Tisch mit selbst gebackenen Keksen, jede Kekstüte war mit einem Zitat garniert. So hatten die Leute die Chance, selbstständig und unbehelligt die Zitate durchzulesen, und bei Bedarf konnten sie uns ansprechen – von 9 bis 19 Uhr. Das hat sehr gut funktioniert!“

Ich selbst durfte mich auch mit einigen Delmenhorstern unterhalten. Ich war erstaunt, wie gut sie informiert waren. So hörte ich mehrmals sinngemäß: „Dass die IS-Terroristen von der USA unterstützt werden, ist vollkommen klar, das weiß jeder.“ Oder: „Der Bundeswehreinsatz in Syrien ist eine Katastrophe, das hat die Regierung gegen unseren Willen entschieden!“ Und: „Ich habe von diesem Brief nirgendwo etwas gelesen, obwohl ich mich viel informiere. Ich merke schon seit Längerem, dass unsere Medien einer geheimen Zensur unterliegen.“ Auch Flüchtlinge und der gegen sie geschürte Hass war ein Thema bei den Delmenhorstern.

Mit Abstand die meisten Reaktionen waren positiv, viele waren beeindruckt von dem Mix der Nationalitäten der Veranstalter und ihrem jugendlichen Engagement für die Gerechtigkeit. Und die wenigen negativen, etwa von Exiliranern, haben die Geschwister souverän und freundlich beantwortet.

Diese Stände funktionieren! Sie sind ein geeignetes Mittel, die Botschaft des Briefes an die deutsche Jugend weiterzugeben. Sie sind effektiver, als man vermuten würde. Seid innovativ, veranstaltet geeignete Aktionen. Zeichnet euer Auftreten durch Anstand, Freundlichkeit und Wissen aus, denn nichts ist effektiver als der direkte Kontakt zu den Menschen – kein Artikel oder Video kann da mithalten. Und beachtet die zurückhaltende Mentalität der meisten deutschen Nichtmuslime. Nun seid ihr gefragt: Werdet eurer Verantwortung in eurer Umgebung gerecht!

Autor: Huseyin Özoguz

Bilder vom Stand am 23.12.2015 in der Delmenhorster Innenstadt

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